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        Diakon Anianus

        07 / 2002, S. 10


 

Die fehlende Mitte

 

Von Diakon ANTON HÄCKLER


Im Jahre 1979 schuf der Maler und Grafiker HEINZ SEEBER im Auftrag des Galeristen Chlodwig Seimer den Linolschnitt Die fehlende Mitte. Vorgegeben wurde ihm der Arbeitstitel „Orientierungslosigkeit unserer Zeit". Heinz Seeber wurde am 6. November 1930 in München geboren und starb am 17. Februar 1998 in Visogliano-Duino (Italien). Bei dem erwähnten Linolschnitt handelt sich um eine hochformatige, 86 x 61 cm große, schwarz-weiß gestaltete Kreuzigungsszene, der aber die. Mitte, das Kreuz Christi, fehlt.

In der Geschichte der christlichen Kunst wurde die Kreuzigung Christi lange nicht dargestellt. Es gibt auch keine antike Vorlage einer Kreuzigung als Strafaktion (vom Spottkruzifixus des Palatins aus der l. Hälfte des 3. Jahrhunderts einmal abgesehen). Erst nachdem die Kreuzigung als Todesstrafe unter Theodosius I. (christlicher römischer Kaiser. 379-395) abgeschafft wurde und das Kreuz keine negativen Assoziationen mehr auslöste, konnte sich auch eine christliche Kreuzeskunst entwickeln. Die zwei ältesten bekannten Kreuzigungsszenen sind abendländischen Ursprungs und stellen den gekreuzigten Christus mit den beiden mitgekreuzigten Schachern dar. Zu diesen beiden ältesten Kreuzigungsszenen der christlichen Kunst gehört das Relief an der Holztür von Santa Sabina in Rom aus der Zeit um 430 (siehe S. 5). (Vgl. zum Ganzen: Lexikon der christlichen Ikonographie Bd. 2, Hrsg.: E. Kirschbaum, Herder 1970.)

Der Künstler unseres Titelbildes knüpft mit seiner Kreuzigungsgruppe am Ursprung der abendländischen Kunst an und zeigt zugleich seinen Verlust auf. Heinz Seeber ließ sich dabei besonders von dem Essay Reinhold Schneiders (1903-1958) inspirieren: Die Schacher ohne den Herrn. Darin schildert Schneider, wie ihn der Anblick dieses Bildes gepackt und fasziniert hatte. „Zuweilen gestaltet die Geschichte Bilder, die mit der Kraft von Sinnbildern über die Zeiten stehen bleiben: ..." beginnt sein Essay. Es geht um ein „Bild" aus dem flandrischen Aufruhr des Jahres 1566.

   


Die Aufrührer hatten sich an einer mächtigen Kreuzigungsgruppe vergriffen und hatten das mittlere Kreuz, das göttliche Bild, das ihnen entgegenstand, umgestürzt. „Der Mittler war verschwunden, die Mitte war leer; vergebens blickte der eine zur Höhe, kehrte sich der andere verkrampften Leibes zur Erde ... Die Kreuze standen in einer grundlosen Nacht, im reinen Nichts; denn nicht in Gottes Himmel schaute der eine hinauf, nicht auf Gottes Erde starrte der andere hinab..."

Bei Seeber haben die Schacher das Fehlen Christi wahrgenommen. Der rechte Schacher hängt erschlafft und resigniert, fast beleidigt, am Kreuz und weist deprimiert mit dem rechten Zeigefinger auf die Kreuzesinschrift bzw. auf das umgeschlagene Kreuz Christi, von dem er sich offenbar nichts mehr erwartet. Der linke Schacher bäumt sich auf und schreit zum Himmel hinauf. Aber der Schrei muss ins Nichts gehen; die wütend geballten Fäuste finden keinen Adressaten und das empörte Aufbäumen des Körpers gegen die Fesseln ist sinnlos. Denn die Mitte fehlt. Es gibt keinen Ort und keine Ordnung mehr. Der Verzweifelte findet keinen Erbarmer, der Empörte keine Macht über sich.

Kann die Orientierungslosigkeit unserer Zeit besser ins Bild gesetzt werden? Wenn die Mitte fehlt, fehlt die Verbindung zum Ursprung und zum Grund des Lebens. Die Worte Reinhold Schneiders bringen es auf den Punkt: Die flandrischen Aufrührer zerschmetterten das Bild des Herrn und ließen die Schacher erhöht stehen, weil sie in ihnen sich selber und ihre heillose Not erkannten und glaubten achten zu müssen. „So hinterließen sie der Nachwelt den Ausdruck der Zerstörung aller Beziehungen zwischen Gott, Mensch und Welt, welche Zerstörung in ihnen durch den Fall des Glaubens an Christi Kreuz und den Versuch, seine Gegner zu erhöhen, eingetreten war; und in so tiefem Zusammenhang stand dieses Bild mit der heraufkommenden geschichtlichen Wirklichkeit, dass es vielleicht aller Seelenkräfte der Völker bedarf, um das Kreuz zwischen den Schachern wieder zu errichten."
 

 

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