Diakon Anianus
07 / 2002, S. 10
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Die fehlende Mitte
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| Von Diakon ANTON HÄCKLER
In der Geschichte der christlichen Kunst wurde die Kreuzigung Christi lange nicht dargestellt. Es gibt auch keine antike Vorlage einer Kreuzigung als Strafaktion (vom Spottkruzifixus des Palatins aus der l. Hälfte des 3. Jahrhunderts einmal abgesehen). Erst nachdem die Kreuzigung als Todesstrafe unter Theodosius I. (christlicher römischer Kaiser. 379-395) abgeschafft wurde und das Kreuz keine negativen Assoziationen mehr auslöste, konnte sich auch eine christliche Kreuzeskunst entwickeln. Die zwei ältesten bekannten Kreuzigungsszenen sind abendländischen Ursprungs und stellen den gekreuzigten Christus mit den beiden mitgekreuzigten Schachern dar. Zu diesen beiden ältesten Kreuzigungsszenen der christlichen Kunst gehört das Relief an der Holztür von Santa Sabina in Rom aus der Zeit um 430 (siehe S. 5). (Vgl. zum Ganzen: Lexikon der christlichen Ikonographie Bd. 2, Hrsg.: E. Kirschbaum, Herder 1970.) Der Künstler unseres Titelbildes knüpft mit seiner Kreuzigungsgruppe am Ursprung der abendländischen Kunst an und zeigt zugleich seinen Verlust auf. Heinz Seeber ließ sich dabei besonders von dem Essay Reinhold Schneiders (1903-1958) inspirieren: Die Schacher ohne den Herrn. Darin schildert Schneider, wie ihn der Anblick dieses Bildes gepackt und fasziniert hatte. „Zuweilen gestaltet die Geschichte Bilder, die mit der Kraft von Sinnbildern über die Zeiten stehen bleiben: ..." beginnt sein Essay. Es geht um ein „Bild" aus dem flandrischen Aufruhr des Jahres 1566. |
Bei Seeber haben die Schacher das Fehlen Christi wahrgenommen. Der rechte Schacher hängt erschlafft und resigniert, fast beleidigt, am Kreuz und weist deprimiert mit dem rechten Zeigefinger auf die Kreuzesinschrift bzw. auf das umgeschlagene Kreuz Christi, von dem er sich offenbar nichts mehr erwartet. Der linke Schacher bäumt sich auf und schreit zum Himmel hinauf. Aber der Schrei muss ins Nichts gehen; die wütend geballten Fäuste finden keinen Adressaten und das empörte Aufbäumen des Körpers gegen die Fesseln ist sinnlos. Denn die Mitte fehlt. Es gibt keinen Ort und keine Ordnung mehr. Der Verzweifelte findet keinen Erbarmer, der Empörte keine Macht über sich. Kann die Orientierungslosigkeit unserer Zeit besser ins Bild
gesetzt werden? Wenn die Mitte fehlt, fehlt die Verbindung zum Ursprung
und zum Grund des Lebens. Die Worte Reinhold Schneiders bringen es auf
den Punkt: Die flandrischen Aufrührer zerschmetterten das Bild des
Herrn und ließen die Schacher erhöht stehen, weil sie in ihnen sich
selber und ihre heillose Not erkannten und glaubten achten zu müssen.
„So hinterließen sie der Nachwelt den Ausdruck der Zerstörung aller
Beziehungen zwischen Gott, Mensch und Welt, welche Zerstörung in ihnen
durch den Fall des Glaubens an Christi Kreuz und den Versuch, seine
Gegner zu erhöhen, eingetreten war; und in so tiefem Zusammenhang stand
dieses Bild mit der heraufkommenden geschichtlichen Wirklichkeit, dass
es vielleicht aller Seelenkräfte der Völker bedarf, um das Kreuz
zwischen den Schachern wieder zu errichten."
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