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02 / 2001, S. 16


 

Die fehlende Mitte

 

 

1979 schuf der Maler und Grafiker Heinz Seeber (1930-2000) im Auftrag des Galeristen Chlodwig Selmer den Linolschnitt "Die Fehlende Mitte". Heinz Seeber arbeitete zunächst als Maurer und Stuckateur. Nach Besuch der Grafischen Akademie München bei Professor Ege wirkte er als freischaffender Gebrauchsgrafiker, Grafiker und Maler und war Dozent an der Volkshochschule München. Sein Werk umfasst zahlreiche Bilder und Zyklen mit religiösem und profanem Inhalt. Einen Schwerpunkt bilden neben thematischen Darstellungen vor allem auch Darstellungen von Heiligen. Zur Gestaltung des vorliegenden Linolschnittes "Die Fehlende Mitte" gab der Galerist Chlodwig Selmer den Arbeitstitel "Orientierungslosigkeit unserer Zeit" vor. Seeber setzte diesen Arbeitstitel in eine hochformatige, schwarz-weiß gestaltete Kreuzigungsszene um, der die Mitte, das Kreuz Christi, fehlt. Besonders inspirierte ihn bei der Gestaltung der Essay "Schacher ohne Heiland" von Reinhold Schneider. In diesem Essay betrachtet Schneider eine Kreuzigungsgruppe, in der das Kreuz Christi von Bilderstürmern zerstört wurde, nicht hingegen die Kreuze der beiden Schächer. 

Auch in der Grafik von Heinz Seeber sind drei Kreuze zu sehen, rechts und links die Kreuze der beiden Schacher, das Kreuz Christi ist abgebrochen, nur ein kurzer Stumpf mit der Inschrift "INRI" ist verblieben. Der abgebrochene obere Teil von Christi Kreuz ist schemenhaft hinter den beiden anderen Kreuzen zu erkennen. Der reumütige Schacher zur Linken von Christi Kreuz bittet voller Zuversicht, der andere ist verbittert und flucht. Im Gegensatz zu Schneiders Essay haben die beiden Schacher das Fehlen Christi bereits wahrgenommen. 

 

 

   

Der Dogmatiker Prof. Anton Ziegenaus beschreibt "Die Fehlende Mitte" in seiner Predigt zur Passion "

Die drei Kreuze" folgendermaßen: "Der eine (Schacher) bittet nicht mehr, hat resigniert; sein Gesicht verweist auf eine Mischung von Nachdenklichkeit und Verzweiflung; die ganze Haltung des erschlafften Körpers zeigt nach unten und zugleich (rechter Zeigefinger.) auf das umgeschlagene Heilandskreuz. Sogar die Spottafel (INRI) liegt am Boden. Der andere hat ebenfalls keinen Adressaten mehr für seinen Fluch; der Schrei geht nach oben ins Leere. Vom Schmerz deformiert, verkrümmt sich seine Gestalt. Voll Wut und Auflehnung ballt er die Fäuste. Mit aller Kraft (sein linker Fuß!) will er ausbrechen, aber er ist ans Kreuz gebunden und dort allein." 

So charakterisiert Seeber die Orientierungslosigkeit unserer Zeit, stellt sie bildhaft dar: in allen Bereichen der pluralistischen Gesellschaft wird Christus als Mittelpunkt immer mehr verdrängt; auch in der Kunst versuchten und versuchen Bilderstürmer zu allen Zeiten, das Kreuz zu eliminieren. Wo aber Christus fehlt, fehlt die Mitte, entstehen Orientierungslosigkeit, Unfriede und Chaos. Besonders das Kruzifix-Urteil aus dem Jahre 1996 führt diesen Umstand deutlich vor Augen. Die Darstellung der "Fehlenden Mitte" ist heute ebenso wie in den 70er Jahren, der Entstehungszeit, symptomatisch für die Situation unserer Zeit. Die Galerie Chlodwig Selmer setzt ihre Schwerpunkte aber auch darauf, in christlichen Kirchen nicht nur den Karfreitag sondern auch die Auferstehung zu verkünden, mit religiösen Grafiken zeitgenössischer Künstler Freude in Räume der Begegnung zu bringen, zeitgenössische Künstler zu fördern, die in ihren Arbeiten den religiösen und zeitgeschichtlichen Ausdruck finden, der sich mit dem Verlangen der Menschen von heute deckt und zugleich die nüchterne und kalte Rationalität unserer Gegenwart übersteigt, die Kommunikation zwischen Kirche und Welt, zwischen den Menschen überhaupt, speziell durch das Medium der darstellenden Kunst zu fördern.



 

 

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