Triest 2002

 

Gedanken zu einem posthumen Gespräch zwischen Heinz Seeber und einem Kunstkritiker.
Ich hätte ein echtes Interesse daran gehabt, Seeber persönlich kennen zu lernen.
Mit Sicherheit hätte ich eine starke und komplexe Persönlichkeit vor mir gehabt, die, in der konsequenten Überzeugung von den eigenen Ideen, eine Weltanschauung vertrat, die kulturelle Ausblicke, künstlerische Ausdrucksweisen und existenzielle Begriffe vereinen und harmonisieren konnte, die, in der Europäischen Dimension gesehen, in einer Zeit, die von grundlegenden Veränderungen der Werte in einer einmalig rasanten Geschwindigkeit gekennzeichnet war, mit einander konkurrierten und sich oft gegenseitig überschatteten.

Dieses Gespräch basiert weitgehend auf schriftlichen Notizen von Heinz Seeber selbst, auf Aufzeichnungen von Gesprächen mit Menschen, die ihm nah standen, vor allem aber auf seine Werke, Grafiken und Gemälde, die zum großen Teil im Haus in Sistiana (bei Triest), wo er seine letzten Jahre verbrachte, liebevoll aufbewahrt sind.

 

Ich betrachte diese Schrift von mir keineswegs als literarisches Werk, da die Dialogform lediglich ein Hilfsmittel ist, um die Persönlichkeit Seebers, so wie sie sich allmählich in meiner Gedankenwelt geformt hatte, nach Außen zu vermitteln. Die schönste Belohnung für meine Bemühungen ist allerdings die Tatsache, dass selbst Vertraute von Heinz Seeber seine Gedankengänge in diesem Text wieder gefunden haben. Es geht hier, wohlgemerkt, nicht um eine persönliche Befriedigung, da eine getreue Darstellung des Künstlers und seiner Werke die ureigene Aufgabe des Kritikers ist, vielmehr das erhebende Gefühl der Achtung und Bewunderung für das Werk dieses Künstlers, dem es gelungen war, seine innere Gefühlswelt und seine Sicht der Dinge unserer Welt mittels einer universellen Sprache auszudrücken.

Im Dialog in italienischer Sprache, stellt sich Seeber selbst vor, indem er seine Zielsetzung als Künstler erläutert, nämlich die Unmissverständlichkeit des Motivs, um dem Betrachter keinen Anlass zu Zweifeln über seine Deutung zu bieten. Gleich offenbart sich der symbolische Wert der Werke, Ergebnis einer tiefsinnigen Beschäftigung mit oft unbequemen Themen aus der Weltliteratur und aus dem Bereich des Glaubens.

Beispiele davon sind die der Apokalypse, dem Totentanz, Shakespeares „Sturm", Odysseus und Paris, gewidmeten Grafikzyklen. Keine rein darstellerischen Werke, wie in der italienischen Malerei der Renaissance und des Klassizismus, sondern eher Anknüpfungen an bekannte Motive, vie die Christlichen Evangelien, Gestalten aus der Welt des Epos oder des Theaters, von wo aus Allegorien entstanden, die den Betrachter zum Nachdenken auffordern. Die landläufige Agiographie wird ausgeblendet, was bleibt ist der Schmerz der Menschheit.

Der Kritiker erkennt diese "authentische" Klarheit des Künstlers Seeber, der aber nicht sonderlich geneigt ist, seine Werke einer analytischen Deutung zu unterziehen. In seinem persönlichen Reifeprozess sieht er sich eher auf der einen Seite als Erbe der genialen schöpferischen Epoche in Deutschland sowie im restlichen Europa zwischen dem ausgehenden neunzehnten und dem beginnenden achtzehnten Jahrhundert und auf der anderen steht er tatkräftig der Herausforderung der Neuerungen der fünfziger Jahre gegenüber. Seeber lässt sich nicht gefügig einer spezifischen künstlerischen Bewegung zuordnen, dennoch atmen viele seiner Werke die Atmosphäre des deutschen Expressionismus, weit vom Abstraktismus entfernt.

Er teilt die Ansicht Kokoschkas, der der Formlosigkeit die Fähigkeit zur Übertragung von Information abspricht und ihr somit die Qualifikation als „Kunst" entzieht. Im weiteren Verlauf des Gesprächs gibt Seeber zu, dass er eine besondere Vorliebe zur Gravierung hat, wo jedes Zeichnen sorgfältig ausgeführt und planmäßig eingeordnet ist, anders als im Gemälde, wo eine spontane Dynamik den Ton angibt. Es ist für ihn unerlässlich, einem jeden Werk eine expressive Ordnung zu verleihen, die auf das Wesentliche hinweist.

Seeber verschweigt dem Kritiker nicht die Verwandlung der Figuren im Laufe derZeit, die manchmal in eine beabsichtigte Betonung einziger Körperteile gipfelt, denn „wenn ein Zeigefinger für eine Anklage gestreckt wird, in ihm verdichtet sich die Kran des Vorwurfes und derjenige, der die Bedrohung trifft, die aus dieser Geste hervorgeht, spürt die Kraft und die Größe jenes Fingers als überdimensional, im Verhältnis zu seiner wirklichen Größe.". Heinz Seeber distanziert sich von den modernen Strömungen der Malerei, erliegt nicht den Versuchungen eines leichten kommerziellen Erfolgs und sucht die unmittelbare Verbindung mit der Außenwelt, mit seinen Mitmenschen, die er mit seiner Vision der Macht und zugleich des Elends des Menschen anspricht. Ein entferntes und geläutertes Echo an Nietzsche macht sich bemerkbar, in der schlichten Größe und im Synkretismus seiner Werke, in der bereits erwähnten Bestrebung nach der Wesentlichkeit. Damit kann Heinz Seeber als ein Künstler jenseits von jeder Politik und jedem religiösen Glauben bezeichnet werden, abhold jedes kleinlichen Nationalismus, mit seinem Traum einer immer reiferen und verantwortungsbewussten Menschheit.

Fabio Favretto 

(Übersetzung: Julius Franzot)

Triest 2002 (in italienischer Originalfassung)

Triest 1998 (italienisch) --->

 

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