Die Tagespost
13. Februar 2003, S. 11
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Zeitgenössische Kunst für die Kirche Moderne Graphik und Malerei als Medium des Evangeliums: Die Münchener Galerie Chlodwig Selmer fördert sie.
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| Von Reinhard Nixdorf
„Die fehlende Mitte" lautet der Titel eines Linolschnitts des im Jahr 2000 verstorbenen Künstlers Heinz Seeber. Man sieht die Schacher der Karfreitagsszene an ihr Kreuz geheftet. Schmerzverzerrt verflucht der rechte Schacher die Welt. Und der Schacher auf der linken Seite, von dessen Reue das Evangelium spricht? Auf dieser Darstellung resigniert er: Erschlafft sinkt sein Körper in sich zusammen, ein Finger weist in die Tiefe. Denn Christus, der ihm nach dem Evangelium in der Todesstunde Hoffnung zuspricht, ist verschwunden. Nur ein abgebrochener Pfahl und die Spotttafel „INRI" weisen darauf hin, dass hier das Kreuz Christi stehen müsste. Botschaft der 1979 entstandenen Graphik: Wo Christus fehlt, bleiben nur Verbitterung und Verzweiflung übrig: Denn wer sollte auf den Fluch des rechten und auf den Hilfeschrei des linken Schachers antworten? Das sind harte Fragen, die die moderne Kunst ihrem Betrachter stellt. Schonungslos deckt sie die Orientierungslosigkeit einer Welt auf, die den Glauben an Gott aufgegeben hat: Spätestens der Tod stellt dem Menschen die Frage, wo er in Ewigkeit aufgehoben ist - in letzter Sinnlosigkeit oder in der grenzenlosen Liebe Gottes. Diese zeitgenössische Kunst, die unserer Welt in ihrer kalten Rationalität und ihrer Sucht nach „Spaß" den Spiegel vorhält, fördert der Münchener Galerist Chlodwig Selmer - und „seine" Künstler haben sich im Laufe der Zeit einen Ruf weit über Deutschland hinaus erworben. Neben Heinz Seeber sind dies etwa die Maler Karl Maldek und Werner Persy. - Werner Persy ist übrigens von Anfang mit dabei: Als Premiere präsentierte die Galerie Chlodwig Selmer 1973 mit großem Erfolg eine Ausstellung mit Werken Werner Persys auf dem Freisinger Domberg. Die Kirche selbst brachte Chlodwig Selmer auf den Gedanken, zeitgenössische religiöse Kunst zu fördern: Beim Aufbau seiner Generalvertretung für künstlerische Paramente und Wandbehänge fiel Selmer die Nüchternheit kirchlicher Räume auf. „Eigentlich ein Widerspruch zur Aufgabe dieser Räume, Begegnung und Zusammengehörigkeit zu vermitteln", dachte er.
Kunst, näherhin zeitgenössische christliche Kunst, sollte hier eine Atmosphäre des Vertrauens und der Gemeinschaft schaffen - nicht allein im Kirchenraum, sondern auch im Gemeindesaal, im Pfarrhof oder in kirchlichen Bildungshäusern. |
Die Kirche tat sich damals schwer in ihrem Verhältnis zur modernen Kunst. „Es war eine Zeit des Puritanismus", berichtet Chlodwig Selmer, „aber das hatte auch seinen Grund in der Tatsache, dass viele Kirchen nach dem Krieg wieder aufgebaut werden mussten. Mittlerweile haben sich die Puritaner von einst in freudige Verfechter einer farbenfrohen Gestaltung ihrer Kirchenräume gewandelt."
Dabei ist für Chlodwig Selmer die Grenze zwischen Galeristen und Künstler durchaus fließend: Künstlerblut fließt in seiner Familie, der Bildhauer Josef Henselmann schnitzte eine Holzdarstellung von Chlodwig Selmer, als er fünf Jahre alt war. Und von seinem Zeichentalent ist „noch so manches hängen geblieben", berichtet er lächelnd. Das führte dazu, dass Selmer die Gestaltung der Kunstwerke kreativ begleitete. „Ich kam mit meinen Ideen und habe mich mit den Künstlern unterhalten", erzählt er. „Meist haben wir uns dann in der Mitte getroffen. Und manchmal hat ein Künstler zum Schluss von seinem Werk gesagt: Eigentlich ist das ein Selmer." Die enge Zusammenarbeit zwischen Galeristen und Künstlern brachte Chlodwig Selmer auch auf die Idee, den Künstlern einen Teil ihrer Arbeit abzunehmen: Unter dem Stichwort „Künstlermanagement" hält Chlodwig Selmer Ausschau nach kirchlichen Auftraggebern, die einen Künstler suchen - etwa, wenn sie einen Bildhauer für eine Heiligendarstellung suchen, ein Andachtsbild für eine Seitenkappelle in Auftrag geben wollen oder ihren Kirchenraum umgestalten wollen. In diesem Fall handelt Chlodwig Selmer den Kostenvoranschlag aus und schlägt dem Auftraggeber den Künstler vor, der ihm für die Ausführung geeignet erscheint. Der Vorteil: Der Künstler kann sich ganz auf sein Werk konzentrieren, Verhandlungen über Kosten und Entlohnung hat ihm Chlodwig Selmer abgenommen. Exemplarisch für diese Zusammenarbeit ist die Umgestaltung der St. Aloysius-Kirche in Berlin-Wedding: Hier gestaltete Werner Persy in kräftigen Farben auf einem Altarbild ein Wort aus der Offenbarung des Johannes (Off. 22,16f): Ich, Jesus, habe meine Engel gesandt, als Zeugen für das, was die Gemeinden betrifft. Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der strahlende Morgenstern." Seit dem Jahr 2000 wird Chlodwig Selmer von seiner Tochter, der Kunsthistorikerin Martina Selmer, als Juniorpartnerin tatkräftig unterstützt. Auf dreißig Jahre blickt' seine Galerie in diesem Jahr zurück. Manches hat sich seither verändert. Aber unermüdlich werben beide darum, der zeitgenössischen Kunst in der Kirche Raum zu geben. Denn eines ist klar: Kunst hat ihren Ort in der Kirche dort, wo sie den Menschen auf Christus hinweist und sich zum Medium des Evangeliums macht. Wer der Kunst in der Kirche bloß die Aufgabe gibt, zu schmücken, wird ihr nicht gerecht. |
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